Sven Gabor Janszky -


Deutschlands innovativster


Trendforscher

Do / 02. Jun 2016 / 20:51 Uhr

Unsere Angst vor Arbeitslosigkeit wird verschwinden

Überall tobt plötzlich die Debatte um die Zukunft der Arbeit. 2b AHEAD CEO Sven Gabor Janszky war vor 5 Jahren mit seinem Buch "2025 - So arbeiten wir in der Zukunft" einer der Ersten, der diesen wichtigsten Wandel in der heutigen Zeit prognostizierte.

Im Interview mit XING Spielraum zieht Sven Gabor Janszky ein Zwischenfazit. Sie können eine ausführliche, kostenlose Trendanalyse zur Zukunft auch zum Ausdruck downloaden unter: Trendanalyse: Nehmen uns Computer die Arbeit weg?"

 

Auf dem „VisionForum 2016“ (14./15. September 2016 im Allianz Forum, Berlin) wird Sven Gabor Janszky die Keynote zum Thema halten und mit seine Thesen hochkarätigen Experten wie Ex-Telekom und Lufthansa-Vorstand Thomas Sattelberger, Axel-Springer-Vorstand Christoph Keese und Google-Personalchef Frank Kohl-Boas diskutieren. Sie können dabei sein unter: www.vision-forum.de

 

Hier nun das Vorab-Interview zum Stand der New Work Debatte von den Kollegen von XING Spielraum:

 

 

XING Spielraum: Herr Janszky, noch vor wenigen Jahren wurde darüber diskutiert, ob Computer und Roboter den Menschen viele Jobs „wegnehmen“ werden. Diese Frage stellt sich für einen Zukunftsforscher mittlerweile nicht mehr, oder?

 

Sven Gábor Jánszky: Die Frage ist nicht das ob, sondern das wann. Daran allerdings scheiden sich die Geister. Wenn man heute in die Zeitung schaut, dann wird da von vielen der Eindruck erweckt, es gäbe schon morgen keine Jobs für Menschen mehr. Das ist völliger Unsinn. Wir stehen vor zwei Phasen. In der ersten Phase werden Computer immer intelligenter, erreichen aber noch nicht die allgemeine menschliche Intelligenz. In dieser Phase gehen ein paar Jobs verloren, es entstehen aber auch viele neue. Dazu kommt in Deutschland die Massenverrentung der Babyboomer-Generation. Unter dem Strich gibt es hierzulande Vollbeschäftigung.

 

In der zweiten Phase dann haben die Computer die menschliche Intelligenz erreicht und übertroffen. Dann werden möglicherweise in Sekundenbruchteilen durch Copy&Paste millionenfach superintelligente Computerarbeitskräfte entstehen. Erst dann verlieren die Menschen wirklich ihre Jobs. Bei der Frage, wann es soweit sein mag, schwanken die Prognosen zwischen den Jahren 2050 und 2090. Wir haben also noch 30 Jahre, um uns darauf vorzubereiten.

 

 

In Ihrem Buch „2025 – So arbeiten wir in der Zukunft“ haben Sie diese Zukunft der Arbeitsgesellschaft und die Auswirkungen für den Einzelnen genau beschrieben. Was sind die gravierendsten Veränderungen für uns alle?

 

Jánszky: Das Buch spielt im Jahr 2025, also noch in der ersten Phase. In dieser Phase ist für Deutschland die gravierendste Veränderung ein massives Überangebot an Jobs. Wir rechnen mit drei bis vier Millionen dauerhaft unbesetzten Jobs. Das bedeutet: Die Urangst der Gesellschaft, mit der wir alle groß geworden sind, verschwindet: Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Wenn ich im Jahr 2025 meinen Job verliere, dann werde ich am nächsten Tag sofort 5 oder 10 oder 20 neue Jobangebote haben. Dies gibt den Menschen Sicherheit und nimmt ihnen die Angst.

 

Wenn man aber betrachtet, dass sich in der deutschen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft seit den 80er Jahren alle Programme, Strategien und Argumentationen permanent um die Schaffung von Arbeitsplätzen drehen, dann wird klar, welchem Wandel wir entgegensehen: Mit all diesen bisherigen Programmen, Denkmustern und Glaubenssätzen wird keine Politik und keine Wirtschaft mehr zu machen sein.

 

 

„Vollbeschäftigung“ und „Arbeitskräftemangel“, das klingt für die meisten Menschen immer noch sehr weit weg. Steht uns wirklich so ein schneller, radikaler Umbruch bevor?

 

Jánszky: Ja und der Grund ist einfach: Die Babyboomer gehen um 2025 herum in Rente, es rücken die geburtenschwachen Jahrgänge nach. Dies ergibt nach reiner Mathematik 6,5 Millionen Menschen weniger im Arbeitsmarkt 2025 als heute. Dafür braucht man nicht einmal einen Zukunftsforscher, sondern nur einen Taschenrechner. Wenn man noch Sonderprogramme der Politik und Wirtschaft, die zunehmende Automatisierung sowie die heutige Arbeitslosigkeit abzieht, bleiben immer noch drei bis vier Millionen unbesetzte Stellen, dauerhaft. Was geschieht dann?

 

Die Antwort ist fast simpel: Dann ruft alle zwei Wochen der Headhunter mit einem neuen, besseren Angebot an. Dann wird es etwa 40 Prozent geben, die den Headhunter abweisen, weil ihnen Heimatverbundenheit und Familienleben wichtiger sind als ein besserer Job. Und es wird 40 Prozent geben, die auf die neuen Angebote eingehen. Diese Menschen wechseln ihre Jobs dann alle zwei bis drei Jahre. Sie werden zu Projektarbeitern. Sie kennen keine 38-Stunden-Woche, keine geregelte Kaffee- und Mittagspause, keine Hausschuhe im Büro, keine Prämie oder Lohnsteigerung aufgrund langjähriger Betriebszugehörigkeit.

 

 

Und worin liegen die größten Herausforderungen, mit denen Unternehmen in der von Ihnen skizzierten Zukunft konfrontiert werden?

 

Jánszky: Die erste Feststellung die Unternehmen schon heute machen ist, dass sich keiner mehr auf Ihre Stellenausschreibungen bewirbt. Das liegt in der Marktlogik des Arbeitsmarktes, denn das Verhältnis von Angebot und Nachfrage haben sich gedreht. Entsprechend müssen sich nicht mehr die Mitarbeiter beim Unternehmen bewerben, sondern die Unternehmen beim Mitarbeiter. Aber wie geht das? Wir Zukunftsforscher glauben, dass dies nur auf zwei Wegen geht. Es gibt dann die „Fluiden Unternehmen“ die professionell sind im Anziehen und wieder Abstoßen der hochkompetenten Projektarbeiter. Dies wird über die persönlichen Netzwerke der Führungskräfte geschehen, nicht mehr die HR-Abteilungen. Hier spielen auch die Nachfolger der heutigen, digitalen Netzwerke, wie XING, eine große Rolle.

 

Und jene Unternehmen in der Provinz, die nicht attraktiv für Projektarbeiter sind, die werden zu „Caring Companies“. Sie versuchen die Mitarbeiter zu binden. Allerdings nicht nur den Mitarbeiter selbst, denn diese Bindung wäre viel zu schwach. Die Caring Companies werden kostenlose Schulen für die Kinder der Mitarbeiter anbieten und kostenlose Pflegedienste für die Eltern der Mitarbeiter, kostenlose Urlaubsplätze, Versicherungspakete und Eigenheime. Das alles nur für den einen Moment, an dem der Headhunter anruft und im Kopf der Gedanke entstehen soll: Toller Job, aber wenn dafür meine Eltern den Pflegedienst wechseln müssen, dann lehne ich ab.

 

Das alles klingt für unser herkömmliches Verständnis des Arbeitsmarktes völlig utopisch und verdammt teuer. Das ist es auch. Aber in meinen Coachings mit Vorständen lasse ich diese eine simple Rechenaufgabe machen: „Berechnen Sie, was es Sie kostet, wenn Sie alle drei Jahre 40 Prozent ihrer besten Mitarbeiter in einem leergefegten Arbeitsmarkt neu rekrutieren müssen.“ Da schaue ich plötzlich in blutleere Gesichter. Aber die nächste Aufgabe lautet: „Nehmen sie nur die Hälfte dieses Geldes und konzipieren Sie eine betriebseigene Schule und einen Pflegedienst.“ Da kommt das Blut zurück in den Kopf.

 

 

Wie genau wird denn der technologische Wandel die Organisation von Unternehmen verändern und sehen Sie heute dafür schon gute Beispiele?

 

Jánszky: Die Unternehmen werden mit höchster IT- und Algorithmenkompetenz arbeiten. Diese führt dazu, dass nahezu jeglicher Unternehmensprozess durch ein intelligentes (Software-)Betriebssystem gesteuert wird. Ein Beispiel: Das Workforce-Management eines Flughafens wird dann von einer intelligenten Software gesteuert, die prognostiziert, welche Person mit welcher Kompetenz in 20 Minuten am Punkt X gebraucht wird. Entsprechend werden die kompletten Workforce-Prozesse durch den Computer gesteuert. Entsprechend verändern sich Anforderungen an Führung und HR.

 

Anderes Beispiel: In einem Handelsunternehmen der Zukunft, das auf einem intelligenten (Software-)Betriebssystem arbeitet, prognostiziert der Computer, welche Ware in welcher Anzahl an welchem POS am kommenden Samstag verkauft werden wird. Entsprechend dieser Prognose steuert der intelligente Computer alle Beschaffungs- und Logistikaktivitäten sowie alle beteiligten menschlichen Arbeitskräfte, sofern sie noch nötig sind. Ich rede hierbei wohlgemerkt nicht von dem heute gängigen Verständnis von „Industrie 4.0“.

 

Die meisten heutigen „Industrie 4.0“-Studien und -Strategien sind viel zu kurz gegriffen. Sie beschreiben zumeist nur die Vernetzung, Automatisierung und Rationalisierung. Dies geschieht natürlich. Aber die wirklichen Auswirkungen der Digitalisierung kommen erst danach, wenn die Computer mit ihrer Prognostikkompetenz die Steuerung und Kontrolle im Unternehmen übernehmen. Ich persönlich rede bei meinen Kunden nicht mehr über „Industrie 4.0“. Ich spreche nur noch über: Predictive Enterprises. Beispiele dafür gibt es schon eine Menge, man muss sich nur die Kundenliste des deutschen Marktführers für Predictive Enterprise Software ansehen. Dort findet man eine Menge aus dem Who is Who? der deutschen Unternehmen.

 

 

Aus- und Weiterbildung werden ebenfalls zu zentralen Herausforderungen der modernen Gesellschaft, schreiben Sie. Wo sehen Sie die Hebel, an denen man bei diesem Thema am stärksten ansetzen muss?

 

Jánszky: Bei unser aller Vorstellung von Ausbildung und Abschlüssen. Schon das Wort „Abschlusszeugnis“ könnte unsinniger nicht sein. Denn es kommt aus einer Zeit, in der das einmal erlernte Wissen bis zum Lebensende ausreichte. Diese Vorstellung müssen wir schnellstens zerstören. Denn schon heute reicht ein in einer betrieblichen Ausbildung erworbenes Wissen maximal zehn Jahre. Und das es möglich sein soll, dieses Wissen in jährlich ein bis zwei Seminartagen pro Person bei einem der bekannten Weiterbildungsanbieter auf den aktuellen Stand zu bringen, das glaubt doch kein vernünftiger Mensch … sicher nicht mal die Personaler, die ihre Mitarbeiter für viel Geld dahin schicken.

 

Die Bildungswelt der Zukunft sieht anders aus: Hier gibt es alle fünf bis zehn Jahre lange Phasen des Wissenserwerbs. Da ist ein Mensch für sechs Monate aus seiner Arbeit heraus und geht zurück an Uni und Fachschule, um sein Hirn einmal mit neuen Technologien, Kompetenzen und Wissen zu „rebooten“. Das ist übrigens nicht mal etwas Neues: Wir Wissenschaftler machen das seit eh und je. An den Universitäten bekommen die Professoren dafür sogenannte „Forschungssemester“. Warum das die Wirtschaft mit ihren wichtigen Managern nicht macht, habe ich noch nie verstanden.

 

 

Das vor einigen Jahren noch als DER Trend der Zukunft apostrophierte E-Learning stagniert allerdings in seiner Ausbreitung. Woran liegt das?

 

Jánszky: Weil E-Learning nichts besser macht. Es ist ein Hilfsmittel, aber keine Lösung. Die Art des Lernens verändert sich natürlich, aber letztendlich geht es nicht um die Art sondern den Inhalt. Wenn wir weiterhin unsere alten, überholten Inhalte in irgendwelche E-Learning-Programme pressen, lösen wir damit kein einziges Problem. Unser Mitarbeiter müssen andere Dinge lernen: Mut, Verantwortung, Reflexion, Courage, Teamfähigkeit, Regelbruch, Projektarbeit und natürlich Programmieren und Algorithmen. Es ist völlig egal, ob die das direkt und virtuell lernen. Das E-Learning macht das Lernen nur kostengünstiger und effizienter. Das habe ich übrigens auch schon vor Jahren gesagt.

 

 

Dann springen wir doch mal ins Jahr 2025. Was sind die drei wichtigsten Begriffe unseres Lebens?

 

Jánszky: Projekt, Adaptivität und Vertrauen!. Unser ganzes Leben wird in Projekten ablaufen, sowohl auf der Arbeit, in der Freizeit, in der Familie, in der Gesellschaft und in der Politik. Das Leben der meisten Menschen wird aus Mosaiksteinen bestehen, den Projekten. Man weiß besser, wie man Projekte plant, steuert und auch wieder abschließt. Adaptivität ist die große Anforderung an uns, aber auch unsere Produkte und Services.

 

In einer Zeit, in der die Digitalisierung dazu führt, dass jederzeit Echtzeitdaten über alles und jeden vorliegen, wird die Konsequenz sein, unser Verhalten, unsere Produkte und Services stets realtime an die sich verändernden Situationen anzupassen: individuell und situativ. Das Wort dafür ist: adaptiv! Was heute Resilienz ist, wird 2025 die Adaptivität sein. Und letztendlich das Vertrauen! Vertrauen wird immer dann gebraucht, wenn der Mensch etwas nicht prüfen oder kontrollieren kann. Dies war schon immer so. Aber in der digitalen Zukunft werden die meisten unserer Entscheidungen auf Daten beruhen, die unser menschliches Hirn weder prüfen noch kontrollieren kann. Deshalb werden wir für unsere Entscheidungen viel mehr Vertrauen haben müssen. Wir werden Maschinen natürlich mehr vertrauen, als anderen Menschen. Denn die Technologie gibt uns die besseren Antworten und trifft die besseren Entscheidungen.

 

Interview: Ralf Klassen

 

 

Literatur zu New Work aus dem 2b AHEAD ThinkTank:

 

Buch: „2025 – So arbeiten wir in der Zukunft“ - Unser Trendbestseller

Buch: „Das Recruiting Dilemma“ - Trendbuch über den Fachkräftemangel

Buch: „Die Neuvermessung der Werte“ - Wirtschaftsbuch zum Wertewandel

Zukunftsstudie: HR-Management der Zukunft - Personalstrategien für eine Welt der Vollbeschäftigung

Trendanalyse: Wie verändert man eine Unternehmenskultur?

Trendanalyse: Was Führungskräfte von Thomas Tuchel lernen müssen

Trendanalyse: Artificial Intelligence 1 - 2016 wird das Jahr der künstlichen Intelligenz

Trendanalyse: Artificial Intelligence 2 - Nehmen uns Computer die Arbeit weg

Trendanalyse: Artificial Intelligence 3 - Werden wir Menschen zum Spielball der Computer?


zurück zur Übersicht

Social Networks

ShareThis

Diese Seite verwendet Cookies. Zusätzlich werden gewisse Daten erhoben für die statistische Auswertung der gesamten Site, um unter anderem das Nutzererlebnis zu verbessern. Nähere Informationen zu den Cookies und weiteren Datenschutzbestimmungen finden Sie im Datenschutz.

Akzeptieren