Sven Gabor Janszky -


Deutschlands innovativster


Trendforscher

Di / 07. Jun 2011 / 05:04 Uhr

"Eine Welt ohne Geheimnisse, wäre keine in der ich leben wollte"

WikiLeaks-Aussteiger Daniel Domscheit-Berg über die Bedeutung von Transparenz.

Daniel Domscheit-Berg

Daniel Domscheit-Berg ist Informatiker, Autor und ehemaliger Sprecher der Enthüllungsplattform WikiLeaks. Bis 2010 war er neben dem Hauptsprecher Julian Assange einer der wenigen Vollzeitmitarbeiter von WikiLeaks. Im September 2010 verließ er nach einem Streit mit Assange jedoch das das Unternehmen. WikiLeaks sei ihm zu hierarchisch organisiert und intransparent. Domscheit-Berg entschied eine eigene Whistleblower-Plattform anzubieten - OpenLeaks ging im Januar online. Auf dem 10. Zukunftskongress des 2b AHEAD ThinkTanks wird Domscheit-Berg darüber sprechen wieviel Transparenz unsere Gesellschaft verträgt, ein paar Dinge hat er vorab schon verraten.

 

Herr Domscheit-Berg, wir erleben unsere Zeit spätestens seit der Wirtschaftskrise als Zeit der Unsicherheit. Erschreckt stellen wir fest, dass diese empfundene Unsicherheit nach der Krise nicht wieder verschwindet. Vielleicht werden wird die Unsicherheit als bestimmenden Zustand unserer Welt akzeptieren müssen. Zu anderen Zeiten oder in anderen Regionen mussten/müssen wir ja auch damit leben. Wodurch entsteht aus Ihrer Sicht das aktuelle Unsicherheitsgefühl und wird es wieder verschwinden?

 

Unsicherheit ist ein ganz normaler Teil der gesellschaftlichen Entwicklung, und von daher per se nicht unnormal. Erstmal ist der Unsicherheitsbegriff auch relativ, vor 100 Jahren lebte man in mancher Hinsicht viel unsicherer als wir heute in Deutschland und in den meisten Teilen der Welt muss man auch mit objektiv viel größerer Unsicherheit leben bzw. überleben. Der Grad an Verunsicherung den wir heute bei uns spueren hat etwas mit der steigenden Komplexitaet der Welt und ihrem immer schnelleren Fortschritt zu tun. Irgendwo zwischen globaler Finanzkrise und der ewig praesenten neuen Handygeneration werden Menschen Opfer eben jener Hilflosigkeit durch Komplexitaet, sie verlieren den Faden und das Verstaendnis des grossen Ganzen. Auf Trab zu bleiben wird unmoeglich. Was bleibt ist das Gefuehl nicht zu wissen warum was passiert, was davon ueberhaupt wie relevant ist, und damit jenes Gefuehl von Hilflosigkeit. Ein Leben ohne Unsicherheit wuerde bedeuten das wir uns nicht mehr entwickeln, das es keine Neuerung gibt. Es geht also ums Eindaemmen, und das werden wir nur in den Griff bekommen wenn der Informationsfluss effizienter und der Zugang zu kompetenter Bildung besser wird. 

 

Ein langanhaltender Trend unserer Gesellschaft ist die zunehmende Demokratisierung und Transparenz. Dies sind Werte für die schon lange vor Entstehen des Internet gekämpft wurde. Doch die weiter zunehmende Technisierung und Digitalisierung treibt die Transparenz in ein Extrem: Extrem-Demokratie und Extrem-Transparenz oder kurz gesagt: Eine Welt ohne Geheimnisse. Wie funktioniert eine Welt, in der die Geheimnisse verschwinden?

 

Eine Welt ohne Geheimnisse waere keine in der ich Leben wollte, und ich glaube nicht das sie funktionieren koennte. Man muss allerdings klar zwischen den Geheimnissen, die nur eines Menschen Privatsphaere betreffen, und denen von Organisationen trennen. Waehrend der Schutz unserer privaten Geheimnisse immer relevanter werden wird, wird das Abschaffen von gesetzlichen aber unrechten Geheimnissen ebenfalls immer wichtiger. Dort wo wir unsere Geheimnisse freiwillig in die Haende eines griechischen Gottes wie Mark Zuckerberg geben, weil wir nicht wissen was wir tun, dort muessen Geheimnisse effizienter geschuetzt werden. Aber dort, wo Geheimnisse missbraucht werden um unmoralisches zu verstecken, dort brauchen wir mehr Transparenz. Dieser Grad muss neu definiert werden anhand der Anforderungen an eine globale, vernetzte Gesellschaft, und unsere Aufgabe ist es, die richtigen Weichen fuer einen fundamentalen Wandel im Selbstverstaendnis unseres Zusammenlebens zu stellen.

 

Wie ändern sich die Menschen in einer derart transparenten Welt? Welche Wertvorstellungen und Selbstkonzepte der Menschen entstehen?

 

In einer komplett transparenten Welt ist kein Platz fuer das Individuum und seine Fehler und Macken, Beduerfnisse und Emotionen. Zumindest waere dies mit unserem heutigen Verstaendnis vom Zusammenleben nicht vorstellbar. Die Konsequenz waere fatal in einer Welt die auf der Ausbeutung der Schwaecheren beruht. Im Gegenzug dazu ist es aber wichtig Checks und Balances, auch in Form von Transparenz, fuer die Orte zu schaffen an denen sich Macht konzentriert. Das Wissen darum, dass es keine Schweinerei, keinen Missbrauch, keine Korruption oder unmoralische Handlung gibt die nicht ans Tageslicht kommen kann, ist ein extrem wichtiger Faktor. Geheime Systeme ohne externe Kontrolle korrumpieren -- organisatorisch wie menschlich -- und die Moeglichkeit eines Verrats dieser Geheimnisse an sich stellt schon eine Kontrolle dar. Eine Korrumpierung der Menschlichkeit wie man sie zum Beispiel im Funkverkehr des Apache Helikopters aus dem Collateral Murder Video hoeren konnte, waere nicht denkbar wenn die Beteiligten damit rechnen muessten, dass Ihre Eltern und Freunde Zeugen dieses Verhaltens werden koennten.

 

Wie ändern sich die Unternehmen und ihre Geschäftsmodelle? Wie ändern sich Kundenbedürfnisse und Produkte in einer Welt der Unsicherheit? Welche Geschäftsmodelle entstehen aus dem Bedürfnis nach mehr vs. weniger Sicherheit?

 

Das Geschäft mit der Angst ist schon lange ein sehr großes, es beutet die seelischen Nöten der Menschen erfolgreich aus. Die Geschaeftsmodelle die aus der Angst entstehen sind oft solche, die uns Abhilfe versprechen - und in der Konsequenz zu mehr Angst fuehren. Sehr plastische Beispiele sind hier der Versicherungswahn, der Kampf gegen den Terror und die Anti-Viren-Software Industrie. Alle diese Unternehmungen bekaempfen Symptome, nicht aber die Wurzel des Problems. Um sie herum wachsen Produkte die im falschen Referenzrahmen geschaffen wurden, und Strukturen die sich negativ auswirken, nicht aber das Problem beseitigen. Zusaetzlich sind viele der Produkte qualitativ einfach schlecht. Ohne weiten Blick, Ruhe bei Design und Umsetzung entstehen Fehler die zu weiteren Sicherheitsproblemen beitragen. Der Smartphonemarkt ist hier ein wunderbares Beispiel. Die Menge an vertrauenswuerdigen Daten, die diese Geraete fuer uns verwalten, nimmt im selben Masse zu wie die Geraete unsicherer werden. Wir leben in einer Welt des totalen Widerspruchs in dieser Hinsicht.

 

Die Loesung hier liegt allein im Anspruch des Individuums an seine Gesellschaft. Dann, wenn wir als Menschen uns mit den eigentlichen Problemen auseinandersetzen, bereit sind auch mal die Rechnung zu zahlen und nicht mehr versuchen alle Verantwortung an Dritte abzugeben, die uns einfache und populaere Loesungen anbieten, dann werden wir das in den Griff bekommen.

 

Wie ändern sich der Staat und seine Entscheidungsprozesse? Braucht es eine parlamentarische Demokratie, wenn technisch problemlos mehr als 10 Volksabstimmungen pro Tag durchführbar wären? Wie ändern sich Institutionen, Parteien, Verbände? Wie sieht unsere gesellschaftliche Willensbildung im Jahr 2021 aus?

 

Es wird in den naechsten Jahren und Jahrzehnten ganz bestimmt zu mehr Beteiligung durch die Buerger kommen, und somit eine direktere Demokratie geben -- zumindest wenn wir als Buerger dies so durchsetzen. Ich sehe darin keine Abschaffung der repräsentativen Demokratie aber schon ein Ende des bisher üblichen 4 jährigen Freibriefes für Volksvertreter. Künftig müssen sich Abgeordnete auch zwischen Wahlen mit den Prioritäten ihrer WählerInnen auseinandersetzen.

Diese Entwicklung ist aber generell mittelfristig zu sehen, und genauso mittelfristig bis langfristig wird auch die praezise Ausgestaltung unseres politischen Systems in einer globalisierten Welt zu ueberdenken sein. Ich denke in der momentanen Zeit ist es wichtig Potentiale aufzuzeigen und sicherzustellen, dass wir den Anfaengen moeglichst viel Raum bieten. Fuer 2021 wuensche ich mir eigentlich nur, dass die Welt nichts mit den Wuenschen des Security Thinktanks der EU, EUISS,  zu tun hat und wir keine Mauer um Europa gebaut und eine europaeische Armee aufgebaut haben um uns vor den Armen der Welt zu verteidigen, sondern dass wir bis dahin eben diese in die Planung und Willensbildung integriert haben. Was davon es sein wird, koennen nur wir alle zusammen entscheiden.


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